Hoffnung ist das Ja zum Leben

Die Begleitung von Sterbenden und Trauernden gleicht einem Drahtseilakt

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Mo, 26. Mär 2018
Kathrin Albrecht
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Hoffnung

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“ – wir gebrauchen diese Redensart häufig. Wir können sie optimistisch verstehen, aber auch resignierend. Vor allem bringt die Redewendung zum Ausdruck, wie sehr die Hoffnung mit dem menschlichen Dasein verbunden ist.

Auch für den christlichen Glauben ist die Hoffnung zentral: Sie ist eine der drei Tugenden, neben Glaube und Liebe. Wir hoffen als Christen auf Vergebung, Erlösung und Auferstehung. Besonders beim österlichen Hochfest wird dies deutlich: Mit Jesu Auferstehung verbinden wir die Erfüllung dieser Hoffnungen.

Hoffnung spielt auch in der Begleitung von todkranken Menschen oder von trauernden Angehörigen eine Rolle. Da ist bei Sterbenden die vage Hoffnung, dass die Prognose doch besser ist, als sie sich im Moment darstellt, weil der Zustand sich vorübergehend bessert. Kommt die Zeit, hoffen sie vielleicht darauf, keine Schmerzen zu haben, nicht unnötig leiden zu müssen. Bei Trauernden gibt es Hoffnung auf ein Weiterleben. Diejenigen, die Menschen in diesen Situationen begleiten, können diese Hoffnung gemeinsam mit den Betroffenen erschließen. Oft geraten sie dabei auch an ihre Grenzen, müssen die Hoffnungslosigkeit der Betroffenen mit aushalten. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ war auch der Leitgedanke des dritten Tages der Trauerpastoral des Bistums Aachen. Haupt- und ehrenamtliche Trauerbegleiter waren nach Aachen eingeladen, um gemeinsam zu ergründen, was Hoffnung in ihrer Arbeit bedeutet. Erstmals waren auch Vertreter der Hospizseelsorge eingeladen.

Was braucht es, um hoffen zu können? Was ist Hoffnung? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Dorothee Bürgi. Die Psychologin, Pflegefachfrau und Ethikerin ist Beraterin und Dozentin in Zürich. „Hoffnung ist das Ja zum Leben“ lautet ihre Antwort. Hoffnung enthalte etwas, was absolut sicher sei. Denn das Befürchtete ist noch nicht eingetreten. Insofern ist Hoffnung auch realistisch, weil das Eintreten von zukünftigen Ereignissen nie ganz fest ist. Wenn ich hoffe, bin ich offen für die Möglichkeiten, die realistischerweise eintreten können. Der Mensch steht dabei immer zwischen den Polen von Möglichkeiten und der Begrenzung. Das gelte für beide Seiten: für denjenigen, der von einer Krise betroffen ist, und für den Begleiter. Für Menschen, die andere in einer Krise begleiten, leitete Bürgi vier Grundprinzipien ab, um die Hoffnung zu erschließen: Kann ich, mag ich, darf ich, soll ich leben? Denn Hoffnung braucht ein Ja zur Welt, zum Leben, zur eigenen Person und zur Zukunft. Auch stellvertretend für andere zu hoffen sei möglich: Als Begleiter vermitteln wir: „Solange ich hier bin, gibt es Halt“.

 

Hoffnung umfasst ein breites Spektrum verschiedener Emotionen

Dass Hoffnung in einer Krise ein breites Spektrum an Emotionen umfasst und manchmal mit einem Drahtseilakt vergleichbar ist, stellten Martina Kern und Klaus Aurnhammer dar. Kern ist Krankenschwester und Leiterin von Alpha Rheinland. Die Einrichtung bündelt Ansprechstellen zu Palliativversorgung, Hospiz- arbeit und Angehörigenbegleitung. Aurnhammer ist Krankenpfleger und Krankenhausseelsorger auf der Palliativstation des Marienhaus-Klinikums in Saarlouis-Dillingen. Anschaulich beschreiben sie, wie weit das Hoffnungs-Spektrum reicht: Von enttäuschter Hoffnung über Illusion, Resignation bis zur Verzweiflung. Für einen Menschen, der die Diagnose einer unheilbaren Krankheit erhält, endet die Hoffnung abrupt. „Warum?“, lautet die Frage, die sich viele in dieser Situation stellen. Als scheine es in der Vergangenheit eine Ursache für diese Krise zu geben. Weil sich das Warum nicht klären lässt, resignieren Menschen oft.

Betroffene können daraus Hoffnung schöpfen, dass sie in der Zeit, die ihnen bleibt, ein Ziel erreichen: den 70. Geburtstag noch feiern, die Erstkommunion der Enkelin miterleben. Für den Helfenden stellt sich die Frage, wie er die Betroffenen gut begleiten kann – beispielsweise, indem er die Warum- und Wozu-Fragen gelten lässt, indem er einen gnädigen Seelenraum bietet, wahrhaftig ist über den Zustand des Kranken, die Lebensbilanz begleitet und Hoffnung erschließt. Was es bedeutet, auf dem Drahtseil Hoffnung zu balancieren, erfuhr Klaus Aurnhammer vor zwei Jahren am eigenen Leib. Nach einem Herzinfarkt, bei dem er längere Zeit ohne Bewusstsein war, stellten die Ärzte eine Apraxie fest. Alltägliche Fähigkeiten, wie Zähneputzen oder Schuhezubinden, musste er wieder lernen. Er erlebte Fortschritte, aber auch Rückschläge und Stagnation. Auch die Angehörigen durchleben in dieser Zeit verschiedene Stadien der Hoffnung. Aurnhammer hat aus dieser Zeit seine persönliche Lehre gezogen: „Wir sind als Menschen aufgefordert, uns dem Sein hinzugeben“. Denn das pure Sein im Hier und Jetzt reiche aus. Auch die psychische Widerstandskraft, die sogenannte Resilienz, lasse sich lernen.

 

Trauer und Depression – die ungleichen Schwestern

Doch wie reagieren Begleiter, wenn keine Hoffnung mehr da ist? In der Trauerbegleitung erleben das viele. Der Workshop „Hoffnungs-los? Trauer und Depression. Die ungleichen Schwesten“, macht einen Erfahrungsaustausch möglich. Leiterin Ulrike Gresse, Seelsorgerin an der Grabeskirche St. Elisabeth in Mönchengladbach, hat in ihren Gesprächskreisen immer wieder mit Menschen zu tun, bei denen sich scheinbar keine Hoffnung erschließen lässt. Dann fallen Sätze wie „Ich habe keine Kraftreserven mehr“ oder „Ich fühle mich isoliert“. Ist das noch Trauer oder möglicherweise der Beginn einer Depression bei den Betroffenen? Die Unterscheidung ist nicht leicht, denn Trauer und Depression sind sich in einigen Grundzügen ähnlich. Während Trauer ein natürlicher Prozess ist, der durch ein Verlusterlebnis ausgelöst wird, ist Depression eine Erkrankung, die auf unterschiedlichen auslösenden Faktoren beruht. Auch Verlusterfahrungen können eine Depression auslösen, aus Trauer kann eine Depression entstehen. „Fallen solche Sätze in den ersten sechs Monaten der Trauerphase, ist das normal. Dann ist so kurz nach dem Verlust die Seele im Ausnahmezustand. Fallen sie später, würde ich auf jeden Fall hellhörig werden“, berichtet Gresse aus ihren Erfahrungen.

Zwar kann auch die Trauer um einen Menschen lähmen und isolieren, jedoch entwickeln trauernde Menschen mit der Zeit Regularien, um ihre Gefühle in den Griff zu bekommen. Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, können das so nicht. Dass die Grenzen oft verschwimmen, sei auch ein gesellschaftliches Problem, da sind sich die Teilnehmerinnen einig. Depression, aber auch Trauer, gelten in unserer Gesellschaft als Schwäche. Trauer hat keinen Platz und wir sind aus der Übung, wie Trauern funktioniert. Früher trugen Menschen schwarz, das Umfeld ging vorsichtig und respektvoll mit Trauernden um. Heute sind wir bemüht, das alles schnell hinter uns zu lassen. Was können Begleiter tun, wenn sie eine Depression erkennen? In jedem Fall weiter in Beziehung gehen, rät Ulrike Gresse, jedoch auch die Grenzen dessen aufzeigen, was in der Trauerbegleitung leistbar ist. Denn ein Ersatz für eine Therapie, die depressive Menschen benötigen, ist die Trauergruppe nicht.

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