Ein schützendes Dach für die Toten

In ihr findet die Asche Verstorbener in Urnengrabstätten ihre letzte Ruhestätte. Doch das ist nicht alles

Mo 24. Nov 2014
Hartmut Meesmann / Publik Forum
Von Hartmut Meesmann: Die Kirche Sankt Elisabeth in Mönchengladbach ist eine »Grabeskirche«. In ihr findet die Asche Verstorbener in Urnengrabstätten ihre letzte Ruhestätte. Doch das ist nicht alles

Der erste Eindruck von außen: Oh ja, das passt. Die große braune, massiv und etwas düster wirkende Kirche im Bauhausstil mit dem langen Hauptschiff könnte, in einem kleineren Format, gut zu einem Friedhof gehören. Sankt Elisabeth im Mönchengladbacher Stadtteil Eiken ist seit 2009 eine »Grabeskirche«. An diesem Ort findet die Asche Verstorbener in Urnen ihre letzte Ruhestätte.

Betritt man das Innere von Sankt Elisabeth: keine Düsternis. Im Gegenteil: Die Wände sind hell gestrichen, dadurch wirkt der Raum freundlich und harmonisch. Die Grabkammern mit den Urnen befinden sich in Stelen in der Mitte der Kirche und im hinteren Apsis-Teil oder seitlich an den Wänden unter runden Kirchenfenstern, die Szenen aus der Bibel und die »sieben Werke der Barmherzigkeit« darstellen. Zu diesen Werken der Barmherzigkeit zählt auch »Tote bestatten« – es ist das Leitmotiv für  die kirchliche Arbeit an diesem Ort.

Wie wird eine Kirche zur einer Begräbnisstätte? Die katholische Kirchengemeinde Sankt Elisabeth verlor ihre Eigenständigkeit, da die Zahl der Mitglieder über die Jahre immer kleiner wurde. Doch was sollte aus der Kirche werden? Diese Frage beschäftigte die Gemeinde. Abreißen? Verkaufen? Der damalige Pfarrer brachte die Idee einer Grabeskirche in die Diskussion. In Aachen war zuvor die bundesweit erste Urnenkirche eröffnet worden.

Die Kirchengemeinde stimmte der Idee zu: Und so ist die Kirche in Obereiken heute ein stadtbekannter Begräbnisort für Urnen und zugleich ein katholisches Zentrum für Trauerpastoral: Es geht dort um alle Fragen rund ums Sterben und den Tod. Träger des Zentrums ist die Gemeinde Sankt Vitus in Untereiken, in der Sankt Elisabeth aufgegangen ist.

Die Urnengrabstätten in der Kirche sind jeweils mit Natursteinplatten in unterschiedlichen Farbtönen verschlossen. Darauf sind der Name des oder der Toten eingraviert, das Geburtsdatum und der Todestag sowie eines der Symbole, die zur Auswahl stehen: ein Kreuz, ein Fisch oder ein Kreis. Neben Einzelbelegungen sind auch Doppelgrabstätten möglich. Über 3000 Urnenplätze sind in der Kirche vorhanden, fast 900 davon sind schon belegt.

Überall auf dem Boden stehen Blumenvasen und rote Teelichter, in denen Kerzen für die Verstorbenen flackern. Vor einer der Stelen sitzt eine Frau in stiller Trauer. Kurz zuvor war die Asche eines gerade Verstorbenen nach der Trauerfeier im Altarraum der Kirche in einer Prozession in die Krypta getragen und dort beigesetzt worden. Denn auch dort stehen Stelen mit Grabstätten.

»Bei uns kann sich jeder für eine Urnenbestattung anmelden «, sagt Gemeindereferentin Ulrike Gresse, eine kleine, dynamische Frau in den Fünfzigern, die mit dieser 70-Prozent-Projektstelle ihre berufliche Erfüllung gefunden hat. Da das Verbrennen eines Leichnams auch unter Christen kaum mehr strittig ist, steigt die Nachfrage nach Urnenbeisetzungen.

Aber nicht nur Christen, auch viele Konfessionslose wünschen sich eine Urnenbestattung in dieser Kirche. Warum? »Ihnen gefalle die Kirche, sagen sie«, erzählt Gresse, »der Raum habe etwas Beschützendes, es gibt tagsüber immer auch Ansprechpartner in der Kirche, mit denen man bei Bedarf reden kann, und im Winter sei der Besuch angenehm und nicht so unwirtlich wie auf dem Friedhof.« Einen Segen oder ein Vaterunser müssten die Konfessionslosen allerdings in Kauf nehmen, schmunzelt die Frau mit den blauen Augen und der Brille – und das täten sie auch. »Wir sind Christen und wollen das auch nicht verhehlen.«

Zwischen 3000 und 6000 Euro (Einzelgräber) sowie 6000 und 10 000 Euro (Gemeinschaftgrabstätten) kostet eine Urnenbestattung in der Grabeskirche einschließlich einer Verweildauer der Urne von fünfzehn oder zwanzig Jahren. Damit sind alle Kosten abgedeckt, vom Nutzungsrecht über die  entgeltfreie Grabplatte und die Erhaltung der Kirche bis hin zur Entsorgung von Blumen, Kränzen und Gestecken. Ein Prozent der Kosten werden zurückgelegt für Bestattungen von Gemeindemitgliedern, die sich ein solches Begräbnis nicht leisten können.

»Mit diesem Geld und mit Kollekten wie Spenden finanzieren wir unsere gesamte Arbeit und sind damit unabhängig vom Bistum«, erläutert Ulrike Gresse. Das sei dem Aachener Bischof ganz recht so. »Hundert Bestattungen im Jahr hatten wir als Ausgangsbasis festgelegt, um die Kirche unterhalten und unsere Arbeitsplätze finanzieren zu können, doch schon im ersten Jahr konnten wir 160 Beisetzungen verzeichnen«, berichtet die gelernte Erzieherin. Geschäftsführer Frank Cremers, ein »Eickener Jung’«, wie Gresse gut Rheinisch sagt, freut’s. Kaufen kann man eine Grabkammer übrigens nur bei einem akuten Todesfall. »Sonst«, sagt die  Projektleiterin, »wäre die Kirche schon heute vollständig belegt.« Denn viele Menschen wollten sich bereits im Voraus eine  Grabstätte sichern.

Die Urne im Wohnzimmer?

Zentrum für Trauerpastoral – das meint eine diakonische Dienstleistung für die Menschen in der Stadt. In Sankt Elisabeth finden nämlich nicht nur Andachten, Trauer- und Gedenkgottesdienste für die  Angehörigen statt. Zur Grabeskirche gehört auch ein »Stammtisch für Trauernde«, ein »Trauer-Café«, das jeden ersten Samstag im Monat nachmittags geöffnet ist und in dem sich jene treffen können, die mit ihrer Trauer nicht immer allein sein möchten. Sankt Elisabeth lädt zu Ausstellungen, besinnlichen Lesungen (»Keine Angst vor fremden Tränen«) und Konzerten ein.

Ulrike Gresse organisiert darüber hinaus auch Podiumsdiskussionen, auf denen aktuelle Fragen rund ums Sterben diskutiert werden. Neulich zum Beispiel ging es um die Frage: »Die Urne im Wohnzimmerregal? « Denn die Beerdigungskultur hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert. Von der klassischen Erdbestattung über die Urnenbeisetzung bis hin zum Verstreuen der Asche der Verstorbenen in einem Friedwald oder im Meer werden heute vielerlei Varianten des Abschieds gewünscht. Nicht wenige Leute wollen die Asche ihrer Lieben gar ins eigene Wohnzimmer stellen. »Gibt es hier Grenzen? Muss der Gesetzgeber eingreifen? Das sind Fragen, die sich heute stellen«, sagt Ulrike Gresse. Stadtgesellschaft und Politiker müssten sich mit diesen Herausforderungen beschäftigen.

Die agile Gemeindereferentin lädt zu runden Tischen ein, an denen dann unter anderem auch Beerdigungsunternehmer sitzen. Die sehen die Grabeskirchen – in Mönchengladbach gibt es eine zweite und demnächst sogar eine dritte – mit gemischten Gefühlen, beschneiden sie doch ihre Geschäfte auf dem Friedhof. »Deshalb müssen wir miteinander sprechen, wir wollen ja kein Gegeneinander«, sagt Gresse. Und natürlich, räumt sie ein, verstärkten Grabeskirchen wie Sankt Elisabeth den Trend zur Urnenbestattung. So gibt es denn auch immer wieder kritische Stimmen, die angesichts des zunehmenden »Leerstandes« auf den Friedhöfen die Umwidmung von Kirchen zu Kolumbarien ablehnen. Man antworte in erster Linie auf ein Bedürfnis vieler Menschen und reagiere somit auf die entsprechende Nachfrage, begegnet Gresse dieser Kritik. Sie selbst  befürworte durchaus auch die Sargbestattung und sei daran interessiert, mit anderen zusammen für ansprechende Beerdigungen auf den Friedhöfen zu sorgen.

Vierzig Ehrenamtliche helfen der Gemeindereferentin in Sankt Elisabeth. Sie kommen aus der ganzen Stadt. Sie halten die Kirche sauber, kümmern sich um die Blumen, kommen zum »Präsenzdienst« und helfen bei der Liturgie. »Diese Menschen werden selbstverständlich fortgebildet, denn man muss lernen, mit Trauernden umzugehen«, erklärt Gresse, selbst ausgebildete Trauerbegleiterin. »Das bedeutet immer auch, sich mit dem eigenen Sterben auseinanderzusetzen und mit den Gefühlen, die sich dabei einstellen.« Wer sich für diese Aufgabe zur Verfügung stellt, hilft also nicht nur anderen Menschen, sondern tut auch etwas für sich.

Das gilt auch für Ulrike Gresse selbst. Die Menschen seien ausgesprochen dankbar für die Arbeit in Sankt Elisabeth, die Reaktionen unmittelbar. »Und immer wieder ergeben sich intensive Gespräche mit Angehörigen Verstorbener.« Es gebe in jedem Menschen einen »Kern«, der »nach etwas anderem sucht«, zeigt sich Ulrike Gresse überzeugt. »Und wenn ich dann bei einer Begräbnisfeier die Angehörigen einlade, mit dem Finger noch einmal liebevoll über den Namen des Verstorbenen auf der Grabplatte zu streichen, dann entstehen immer wieder sehr ergreifende und dichte Momente.« 

www.grabeskirche-moenchengladbach.de
Tel. 02161/2489213

Quelle: Publik-Forum, kritisch – christlich – unabhängig, Oberursel, Ausgabe 22/2014; www.publik-forum.de