Impuls September 2026:Sich versöhnen
Auch wir Christen machen da keine Ausnahme. Natürlich geschieht dies meistens dann, wenn die Menschen, über die gesprochen wird, nicht anwesend sind. Ob das, was da über andere geredet wird, auch wirklich der Wahrheit entspricht, darüber wird oft weniger nachgedacht. Hauptsache der eigene Frust ist raus oder es ist für Unterhaltung gesorgt.
Die vielfach geübte Praxis, hinterrücks zu tuscheln, Gerüchte zu verbreiten, Vorverurteilungen auszusprechen oder anderes zu sagen, als man eigentlich meint, führt dazu, dass ein Mensch in seinem Versagen gleichsam gefesselt bleibt. Gefesselt bleibt aber auch, wer das Gespräch verweigert.
So entsteht eine Spirale des Schweigens und des Auseinanderdriftens.
Jesus zeigt uns heute einen anderen Weg. Wir als Gemeinde und jeder Einzelne besitzen die Macht, durch das Gespräch einander von den Fesseln von Schuld und Versagen zu lösen. Das gilt nicht nur für die geweihten Amtsträger. Jesus traut diese Verantwortung der ganzen Gemeinschaft zu.
Es geht darum Gespräche zu führen im Sinne Jesu: nicht, um einen Menschen fertigzumachen, sondern um ihn zu gewinnen; nicht, um ihn bloßzustellen und auszuschließen, sondern um ihm einen Weg zurück in die Gemeinschaft zu eröffnen.
Dazu gehört allerdings auch, kritikfähig zu werden. Kritik kann kostenlose Beratung sein, wenn sie nicht gehässig, verletzend oder von Überheblichkeit geprägt ist. Oft sind wir im Austeilen recht gut – weniger gut beim Einstecken.
Können wir diese Anweisungen Jesu in unserem Alltagsleben überhaupt durchhalten?
Jesus weiß, wie schwierig guter Kontakt miteinander, Gespräch und Versöhnung ist. Die Versöhnung mit uns selbst, aber auch mit dem Nächsten gelingt nicht einfach. Deshalb bringt er uns seine Gegenwart in Erinnerung:
„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“
Das ist ein Trostwort, das damals wie heute Gültigkeit besitzt für ein Zusammenleben im Geist Jesu. Wir müssen die schwierigen Wege der Versöhnung nicht allein gehen. Christus selbst ist mitten unter denen, die sich um Versöhnung bemühen.
Nach meiner Wahrnehmung kann man diese Gegenwart spüren, da, wo echte Versöhnung gelingt.
Ich denke an die vielen Versöhnungsschritte nach dem zweiten Weltkrieg. In juristischen Prozessen wurde Schuld sehr klar benannt und dann gab es viele kleine Initiativen, wo Menschen über Ländergrenzen hinweg miteinander ins Gespräch kamen, sich zuhörten, Wertschätzung füreinander entwickelten. Eine vor vielen Jahren verstorbene Freundin, die in den 20iger Jahren des letzten Jahrhunderts geboren war, erzählte oft von ihren Besuchen beim Erzfeind Frankreich nach dem zweiten Weltkrieg – mit einander sprechen, sich zuhören, sich berühren lassen vom anderen. Bis dahin, dass es uns gelungen ist, in Europa die Grenzen abzubauen, viele freie Länder, die im Gespräch und im Austausch das Leben gestalten wollen. Die Europäische Union ist eine Meisterleistung der Versöhnung. Wie traurig, dass heute politische Scharfmacher wieder Abgrenzung predigen, Hassparolen verbreiten, über andere reden statt mit ihnen – das ist nichts, was der Botschaft Jesu entspricht.
Ich denke an Konflikte in Familien. Wie oft ist es schwer mit Geschwistern, weil die Liebe der Eltern ganz häufig nicht gleichmäßig verteilt war. Ich denke an eine Trauerbegleitung. Frau B. trauerte um ihren Vater. Während unseres gemeinsamen Prozesses starb auch die Mutter. Frau B. hatte sich um beide aufopferungsvoll gekümmert. Die Mutter hatte mit der anderen Tochter gebrochen oder die Tochter mit ihr. Auch Frau B. war auf die Schwester nicht gut zu sprechen, die sie mit allem alleine gelassen hatte. Beim Tod der Mutter brachte sie die Frage in unser Gespräch, ob sie die Schwester, wie ihre Mutter beim Tod des Vaters, von allen Informationen und vom Abschied ausschließen sollte. In einem längeren Gespräch konnte Frau B. einen Moment in den Schuhen ihrer Schwester gehen und sie spürte wie groß ihre Sehnsucht nach der Schwester war – erste Schritte zur Versöhnung – hinspüren, sich in die andere einfühlen und ihr schließlich die Hand reichen.
In der Sterbebegleitung erleben wir manchmal, dass Konflikte offen geblieben sind, Türen endgültig zugeschlagen sind, die Tochter oder der Sohn sich nicht mehr erreichen lässt. Dann kann es gut tun, sich selber zu versöhnen, vielleicht in einem Brief, dem anderen zusagen, dass kein Groll, keine Wut, kein Ärger mit ins Grab geht – dem anderen Gutes sagen – benedicere (wörtl. Latein) , übersetzt auch segnen. So wird Jesu Gegenwart spürbar.
Zerwürfnis, Trennung, Schuld nicht einfach übergehen, sie wahrnehmen und ernst nehmen, aber den Menschen nicht auf seine Schuld festlegen
Genau darin liegt die Botschaft Jesu: Nicht den anderen fertigmachen, sondern ihn gewinnen. Nicht über ihn reden, sondern mit ihm. Nicht ausgrenzen, sondern einen Weg zurück eröffnen.
Denn die Schuld wird wahrgenommen – aber sie hat nicht das letzte Wort. Das letzte Wort hat die Vergebung.
Und wo Menschen so miteinander umgehen, gilt das Wort Jesu:
„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“
Beatrix Hillermann
