Impuls zu Joh14,1-12:Zu Hause sein
Bei vielen Menschen kann man aus ihren Biographien hören, dass es eine große Sehnsucht gibt nach zu Hause sein. Da sind die, die ihr Dorf nie im Leben verlassen haben oder die, die unter keinen Umständen ihre gewohnte Wohnung gegen einen Altenheimplatz tauschen wollen, auch wenn es eigentlich zu Hause gar nicht mehr geht. Vermutlich wird man bei all denen, die ihre Heimat zwangsweise verlassen mussten, weil es Krieg oder Hunger gab, ganz viel Sehnsucht nach zu Hause sein antreffen. Ich erinnere mich da in meiner Kindheit an die Vertriebenenverbände, die ihre alte Heimat im Osten immer wieder feierten und so gerne aufrecht erhalten wollten.
Die Sehnsucht nach Heimat steckt vermutlich in uns allen, irgendwo zu Hause sein, sich sicher, geborgen und angenommen fühlen, wie schön ist das. Es gibt Orte, die dieses Gefühl auslösen, für viele eben die eigenen vier Wände oder die Landschaft, in der man aufgewachsen ist oder auch die Sprachmelodie der Heimatregion. Ich erlebe das immer wieder, wenn ich nach Westfalen komme und diese breite Sprachmelodie der Menschen rund um Münster höre, das ist für mich nach Hause kommen. Es gibt aber auch Menschen, bei denen man sich beheimatet fühlt, vielleicht die Familie, die beste Freundin, der beste Freund, das wird von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein. Jemand, bei dem man sich sicher und geborgen fühlt.
Für mich gibt es aber noch eine weitere Ebene von zu Hause, die drückt sich schön in dem etwas launigen Ausspruch von Carl Valentin aus. „Ich wollte mich besuchen, aber ich war nicht da“
Kann ich eigentlich bei mir selber zu Hause sein? Was heißt das, bei sich selber zu sein? Ich habe eine etwas ältere Freundin, die seit einigen Jahren mit einer wirklich schweren Krebsdiagnose lebt. Sie weiß genau, dass ihr Leben sehr klar begrenzt ist. Wenn die schweren Phasen der Chemotherapie kommen, gibt es wenige gute Freunde und die Familie, die von weit anreist, die ihr Unterstützung geben. Sie braucht dann viel Zeit für sich, „betet für mich“, das ist dann unsere Verbindung und das ist ihre Verbindung zu Hoffnung und Getragensein. Sie kann die Dinge anpacken, die anstehen, hat gerade ihr Haus verkauft mit ganz vielen Treppen und ist in eine kleine behindertengerechte Wohnung gezogen. Sie hat sich von ganz vielen Dingen getrennt. Auf ihrem Abschiedsfest vom Haus durfte jeder und jede etwas mitnehmen. Eine andere, gemeinsame Freundin sagte gestern, „sie hat keine Kiste mitgenommen, die sie nicht ausgepackt hat“. Ich glaube auf unserem Dachboden stehen noch Kisten von unserem letzten Umzug, die seit Jahrzehnten nicht angepackt wurden. Sie muss sich nicht festmachen an Dingen, sie macht sich fest an einer Kraft, an einer Hoffnung, die sie Gott nennt. Sie spricht von ihrer Beerdigung, plant sogar das ein oder andere. Sie weiß, dass sie ins Hospiz geht, wenn es zu Hause nicht mehr geht und sie ist gleichzeitig voller Lebensfreude und Zuversicht, dass ihr noch etwas Zeit hier bleibt, um die neue schöne Wohnung zu genießen und die Blumen und den Frühling und die Menschen, die sie liebt.
Im Evangelium heißt es von Jesus „glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir?“ Jesus war ganz und gar mit Gott verbunden. Er war so mit Gott verbunden, dass er nichtaufgehört hat, sich für die Menschen einzusetzen, obwohl er wusste, dass ihn das das Leben kosten konnte. Er ist dann diesen unsagbar schweren und brutalen Weg in die Hinrichtung gegangen. Die Verbindung Jesu zu Gott war so eng, dass die Kirche später definiert hat, er sei Gottes Sohn. Ob diese Definition hilfreich war, sei einmal dahin gestellt. Was ich aber an unserer Freundin lerne ist, dass diese Verbindung zu etwas Größerem, zu einer Mutter- oder Vatergottheit, zu einer Kraft , die mich hält, die mich zu Hause sein lässt, die mir Geborgenheit und Kraft geben kann, egal, was passiert. Mit unserem alten und weisen Kollegen Willi Bruners sprach ich neulich über die Frage, wie kann so ein Bild von Gott sein. Willi ist ja der biblischen Bücher sehr kundig und dort gibt es viele Gottesbilder, die heißen lange nicht alle Vater. Er meinte, dass es wichtig sei, dass es ein Bild ist, zu dem ich in Kontakt sein kann, zu dem ich beten kann und dem ich mich anvertrauen kann. Für mich ist das die Aussage dieses Evangeliumstextes. Du darfst vertrauen, du darfst Hoffnung haben, auch und gerade angesichts des Todes darfst du dich festmachen in Gott. Gott will dich halten, so dass du zu Hause und Geborgenheit auch über den Tod hinaus erleben darfst. Unsere schwerkranke Freundin lebt für mich jeden Tag diese Hoffnung und ich bin zutiefst dankbar, dass ich daran teilhaben darf.
Beatrix Hillermann
