Zum Inhalt springen

Impuls zu Joh 20,19-31:Zweifel als Tor zu neuem Leben

Wenn Menschen zu uns in die Trauerbegleitung kommen, begleitet sie, neben der Trauer, oft eine große Portion Zweifel. Zweifel, ob sie alles richtig gemacht haben im Sterbeprozess ihres Herzensmenschen, den sie verloren haben. Zweifel, ob die Ärzte wirklich alles, was möglich war, getan haben. Zweifel, ob sie selber jemals wieder lachen können und Zweifel, ob es so etwas wie Leben nach dem Tod wirklich gibt.
Datum:
20. Apr. 2026
Von:
Beatrix Hillermann

Auch Thomas, der seinen liebsten Freund Jesus verloren hatte, war voller Zweifel.“ Ihr könnt mir viel erzählen von Auferstehung, da muss ich mich schon selber überzeugt haben“, formuliert er sehr deutlich. Thomas zeigt ein zutiefst menschliches und gesundes Bedürfnis. Wer zweifelt ist auf der Suche nach Wahrheit, wer zweifelt bewegt sich, wer zweifelt fragt und ist in Kommunikation. Gefährlich sind die, die alles wissen, immer schon eine Antwort haben, meinen sie allein kennen und besitzen die Wahrheit. Diese Dogmatiker haben in Politik und Religionen schon viel Unheil angerichtet.

Jesus kennt die Zweifel von Thomas. Als er nach acht Tagen wieder bei seinen Freundinnen und Freunden erscheint, spricht er ihn sofort an. Thomas sieht und hört seinen Freund Jesus und kommt zum Glauben. „ Mein Herr und mein Gott“ ruft er aus und macht deutlich, dass er Jesus als den Halt seines Lebens erkannt hat. Der viel zitierte Satz Jesu, der dann folgt „ selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ ist keine Kritik an Thomas Zweifeln und Fragen. Der Satz nimmt die Situationen der Menschen vorweg, die nach den Jüngern und Jüngerinnen kommen und die allein aufs Hören der biblischen Botschaft und auf die Hoffnung der VerkünderInnen angewiesen sind.

Den Trost suchenden Menschen, die zu uns in die Begleitung kommen, begegnen wir mit der Hoffnung, dass auch die ärgste Trauer nicht das letzte Wort hat. Wir gehen mit ihnen durch ihre Zweifel, wir geben nichts vor, wir beschönigen nichts, wir bieten keine schnellen Lösungen. Wir lassen die Menschen ihre Zweifel durchleben, durchspüren und durchleiden, so wie Thomas seine Zweifel durchlebt hat. Und aus dem Zweifel wachsen dann immer wieder kleine Pflanze der Zuversicht. Die Menschen lernen, dass sie über den Tod hinaus Verbindung halten können zu ihren Herzensmenschen. Eine Witwe erzählt, dass sie am Grab Zwiesprache hält mit ihrem Mann und ihm erzählt, was es Schwieriges und Frohes in ihrem Leben gibt. Ein Vater berichtet, dass er unter großer beruflicher Belastung das Gespür für seinen verstorbenen Sohn verliert und entscheidet kürzer zu treten. Eine Witwe beginnt zu verstehen, warum ihr intelligenter und fürsorglicher Mann sich nach der Demenz Diagnose suizidiert hat und kann seine Liebe zu ihr wieder spüren. Die deutsche Trauerforscherin und -begleiterin Chris Paul, nennt diese Facette im Trauerprozess „verbunden bleiben“. Viele Trauernde fragen in dieser Zeit, gibt es so etwas wie Auferstehung, wie Leben nach dem Tod?

Die Frage nach der Auferstehung stand natürlich im Mittelpunkt des Ostergottesdienstes am letzten Sonntag. Ich habe die Kar- und Ostertage mit meinen drei kleinen Enkeln auf der Insel Wangerooge verbracht. Der Inselpfarrer erzählte in der Osterpredigt von einer Whatts App seiner Nichte, die am Karsamstag ihr erstes Kind bekommen hatte. Sie hatte ihm ein Foto mit drei Wörtern geschickt „ Liebe – Dankbarkeit- Staunen“ . In diesen drei Wörtern „Liebe- Dankbarkeit -Staunen“ deutete der Inselpfarrer das Osterevangelium . Ich glaube das diese drei Begriffe auch auf die Begegnung von Thomas und Jesus passen. In der Begegnung mit Jesus spürt Thomas durch alle Zweifel die große Liebe seines Freundes und reagiert mit Dankbarkeit und Staunen. „Mein Herr und mein Gott“

Diese Erfahrung machen wir in der Trauerbegleitung immer wieder. Durch alle Zweifel spüren die Trauernden oft irgendwann die Liebe ihrer Herzensmenschen wieder. Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit stellt sich ein und ein Staunen über das, was wieder möglich wird. Neue Begegnungen entstehen, plötzlich entwickeln sich neue Aufgaben, Sinn wird wieder neu spürbar. Chris Paul nennt diese Facette „ einordnen“ der gemachten Erfahrungen fürs eigene Leben. Für mich ist diese Facette ganz oft Auferstehung. Auferstehung in die Gewissheit, mein Herzensmensch bleibt lebendig, ich kann ihn oder sie spüren und ich darf wieder in neues, sinnvolles Leben gehen. Da gibt es dann einige, die wieder offen für neue Liebesbeziehungen werden. Andere finden neue Freundinnen und Freunde oder eine spannende Aufgabe. Manchmal gibt es Leute aus unserer Begleitung, die sich dann selber zu Trauerbegleiterinnen oder Trauerbegleiter ausbilden lassen. Es gibt viele Möglichkeiten Auferstehung zu erfahren.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen durch alle Zweifel hindurch immer wieder Auferstehungserfahrungen.

Beatrix Hillermann